Viele Bücher beschreiben ein Thema ganz allgemein, theoretisch oder wissenschaftlich. Wenn der Autor es jedoch schafft, ein Thema von innen heraus erfahrbar zu machen, nimmt er die Leser mit in eine ganz neue Welt. Zu dieser zweiten Kategorie hört Der Abtrünnige von Erol Ünal. Das Buch mit dem Untertitel 15 Jahre in Moscheegemeinden – Meine Einblicke in eine Welt von Fundamentalisten und Rechtsextremen über Radikale bis zu Sufis beschreibt nicht einfach „den Islam“, sondern eine konkrete Lebenswelt: das Aufwachsen in unterschiedlichen Moscheegemeinden, die Verbindung von Religion, Nationalismus und Gruppenzugehörigkeit sowie die langsame Entwicklung von Zweifel und Distanz. Gerade dadurch wirkt der Text nicht wie eine abstrakte Analyse, sondern wie ein persönlicher Erfahrungsbericht mit gesellschaftlicher Relevanz.
Erol Ünal schildert seine Kindheit und Jugend in verschiedenen islamischen Gemeinschaften – von den Grauen Wölfen über Millî Görüş bis hin zu weiteren religiösen Strömungen. Dabei entsteht ein vielschichtiges Bild, das weder pauschalisiert noch verklärt.
Besonders eindringlich sind die Passagen über die religiöse Prägung in der Kindheit. Nicht theoretische Glaubensfragen stehen zunächst im Mittelpunkt, sondern Angst, Gruppendruck und die Vorstellung, ständig zwischen „richtig“ und „falsch“, „erlaubt“ und „verboten“ unterscheiden zu müssen. Die Angst vor Hölle und Sünde wird dabei zu einem festen Bestandteil des Denkens.
Das Buch zeigt zugleich, wie eng religiöse und politische Identität miteinander verbunden sein können. Nationalistische Ideologien, die Verehrung historischer Machtbilder und die Vorstellung kultureller Abgrenzung spielen dabei eine ebenso große Rolle wie religiöse Rituale oder Glaubensvorstellungen.
Gerade deshalb ist Der Abtrünnige auch ein Buch über Parallelgesellschaften – allerdings nicht aus der Außenperspektive politischer Debatten, sondern aus der Sicht eines Menschen, der selbst Teil dieser Welt war.
Dabei bleibt der Text nicht bei Anklage oder Provokation stehen. Interessant ist vielmehr der langsame innere Wandel. Zweifel erscheinen zunächst als Bedrohung, später aber als Voraussetzung für eigenes Denken. Aus der Anpassung entsteht schrittweise Distanz, aus Distanz die Möglichkeit, sich selbst und die eigene Sozialisation neu zu betrachten.
Das macht das Buch auch über die konkrete Thematik hinaus lesenswert. Denn letztlich geht es nicht nur um Religion oder Migration, sondern allgemein um die Frage, wie Weltbilder entstehen – und wie schwer es sein kann, sich von ihnen zu lösen.
Wer gesellschaftliche Entwicklungen verstehen möchte, findet hier keine einfache Antwort, aber einen seltenen Innenblick. Gerade darin liegt die Stärke dieses Buches.


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