Wie humanistisch ist das Neue Testament wirklich?

von | Mai 21, 2026 | Denkanstöße, Religionskritik | 0 Kommentare

Das Neue Testament gilt im Allgemeinen als Botschaft der Liebe, der Barmherzigkeit und der Menschlichkeit. Jesus erscheint darin als friedlicher Prediger, als Anwalt der Schwachen und als moralisches Vorbild. Doch was passiert, wenn man die Texte einmal nicht mit religiöser Ehrfurcht liest, sondern kritisch, nüchtern und aus humanistischer Perspektive?

Genau diesen Weg geht Rainer Schepper in seinem Buch Denn es steht geschrieben – Predigten eines Ungläubigen.

Dabei untersucht er zentrale Aussagen des Neuen Testaments nicht als gläubiger Theologe, sondern als kritischer Leser. Ihn interessiert vor allem eine Frage: Entsprechen die überlieferten Worte Jesu und der Apostel tatsächlich einem modernen humanistischen Menschenbild?

Schon bei oberflächlicher Betrachtung zeigt sich, dass das Neue Testament weit widersprüchlicher ist, als viele Menschen annehmen. Neben Botschaften über Mitgefühl und Vergebung finden sich dort auch Drohungen, Verdammungsfantasien, Unterwerfungsforderungen und problematische Moralvorstellungen. Besonders die Vorstellung ewiger Verdammnis für Nichtgläubige zieht sich durch zahlreiche Passagen.

Schepper analysiert dabei nicht nur einzelne Bibelstellen, sondern auch deren gesellschaftliche Wirkungsgeschichte. Über Jahrhunderte hinweg wurden Angst vor Hölle, Schuld und göttlicher Strafe genutzt, um Menschen gefügig zu machen. Der Glaube wurde nicht selten mit moralischem Druck verbunden. Wer zweifelte, galt schnell als gefährlich, sündig oder moralisch minderwertig.

Besonders interessant ist, dass Schepper Jesus keineswegs pauschal ablehnt. Im Gegenteil: An einigen Stellen erkennt er durchaus humanistische oder psychologisch bemerkenswerte Gedanken. Doch er zeigt zugleich, wie kirchliche Auslegung, Dogmenbildung und Machtinteressen viele Aussagen über Jahrhunderte verändert oder ideologisch überhöht haben.

Immer wieder richtet sich seine Kritik gegen autoritäre Strukturen innerhalb religiöser Systeme. Wer absolute Wahrheiten verkündet, Zweifel moralisch abwertet und Gehorsam verlangt, erschwert freies Denken. Genau deshalb versteht Schepper Religionskritik nicht als Angriff auf einzelne Gläubige, sondern als notwendige Verteidigung geistiger Freiheit.

Dabei bleibt das Buch nicht rein historisch oder theologiekritisch. Es stellt auch eine moderne Frage: Wie wollen Menschen heute leben? Unter moralischen Vorgaben, die aus antiken religiösen Traditionen stammen – oder auf Grundlage von Vernunft, Mitgefühl, Menschenrechten und eigener Verantwortung?

Rainer Schepper erinnert daran, dass kein Text über der Kritik stehen sollte – auch kein „heiliger“. Humanismus beginnt genau immer da, wo Menschen den Mut entwickeln, selbst zu denken.

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert