Was Vallabh Patel uns hinterlassen hat

von | Sep. 24, 2026 | Humanismus | 0 Kommentare

Am 26. September 2017 starb Vallabh Patel. In diesen Tagen musste ich wieder häufiger an ihn denken – ausgelöst durch etwas sehr Alltägliches: eine Buchbestellung. Über Amazon wurde „Du hast nur ein Leben für das Glück“ bestellt. Das geschieht noch immer regelmäßig. Und jedes Mal denke ich: Der Autor ist nicht mehr da, aber sein Buch findet weiterhin neue Leserinnen und Leser.

In den vergangenen Tagen kamen nach längerer Ruhe plötzlich mehrere Bestellungen über den Amazon Marketplace herein. Es waren ganz unterschiedliche Titel aus dem Verlagsprogramm. Auch Patel war wieder dabei. Das hat mich neugierig gemacht, und ich habe mir einmal die Verkaufszahlen der erfolgreichsten Bücher der Verlagsgeschichte angesehen. „Du hast nur ein Leben für das Glück“ steht mit rund 1.600 verkauften Exemplaren an der Spitze.

Für große Verlage mag das eine bescheidene Zahl sein. Für einen kleinen unabhängigen Verlag mit weltanschaulichem Schwerpunkt ist es ein Bestseller. Vor ungefähr zehn Jahren gab es Zeiten, in denen ich tagelang fast nur dieses eine Buch verpackte. Rechnung schreiben, Buch greifen, einpacken – und gleich das nächste Exemplar. Heute ist das seltener geworden. Umso mehr freue ich mich, wenn wieder eine Bestellung kommt.

Der Titel hat bis heute nichts von seiner Kraft verloren. Du hast nur ein Leben für das Glück. Darin steckt bereits Patels Widerspruch gegen die religiöse Vorstellung, das irdische Leben sei nur eine Durchgangsstation, das eigentliche Glück dürfe man erst in einem Jenseits erwarten, während man sich hier mit Entbehrung, Pflichterfüllung und Hoffnung auf eine spätere Belohnung begnügen solle.

Vallabh Patel setzte dagegen das Leben, das wir tatsächlich haben.

Dabei verstand er Glück nicht als möglichst bequeme Ansammlung angenehmer Erlebnisse. Er fragte, wie persönliches Glück und Verantwortung für die Gemeinschaft zusammengehören. Darf jeder tun, was ihn glücklich macht? Ja, lautet seine Antwort – solange er anderen nicht schadet. Das Glück des Einzelnen braucht außerdem eine Gesellschaft, in der möglichst viele Menschen gut leben können.

Deshalb ist das Buch zugleich Lebensratgeber, philosophische Untersuchung, Gesellschaftskritik und Religionskritik. Patel entwickelt eine Ethik, die keine göttlichen Gebote benötigt. Moralische Regeln sind nicht richtig, weil sie in einem heiligen Buch stehen. Sie müssen sich daran messen lassen, was sie für Menschen und ihr Zusammenleben bewirken. Das klingt zunächst nach einer großen philosophischen Aufgabe. Patel schreibt jedoch nicht nur für Menschen, die Kant, Epikur oder den Utilitarismus studiert haben. Er fragt nach sehr konkreten Ursachen von Glück und Unglück: nach Sorgen und Ängsten, Neid, Erschöpfung, Liebe, Arbeit, Ausdauer und der Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern. Von dort aus führt der Weg zu größeren gesellschaftlichen Fragen. Wie viel Freiheit braucht der Einzelne? Wann wird persönliches Interesse zum Egoismus? Was ist gerecht? Und wer darf bestimmen, was für eine Gemeinschaft gut ist?

Vallabh Patel gibt darauf keine Antworten, die man lediglich auswendig lernen soll. Er entwickelt seine Gedanken Schritt für Schritt und möchte seine Leser dazu bringen, die Schlussfolgerungen zu prüfen. Auch das dürfte ein Grund sein, weshalb das Buch immer wieder gelesen wird. „Glücksrezepte in fünf Schritten“ bekommt man woanders, hier werden die Leser ernst genommen.

Sein zweites Buch im Angelika Lenz Verlag trägt den Titel „Klares Denken – Lügen inbegriffen“. Es erschien 2020, drei Jahre nach seinem Tod. Auch dieses Buch beginnt nicht im philosophischen Elfenbeinturm, sondern mitten im Alltag. Patel beobachtet Gespräche, Streitigkeiten und voreilige Urteile. Er zeigt, wie häufig Menschen aneinander vorbeireden, weil sie dieselben Wörter unterschiedlich verstehen, oder wie schnell ein einzelnes Erlebnis zum Pauschalurteil wird und wie Gefühle, Vorurteile und Autoritätsglaube das Denken beeinflussen.

Schon eine unklare Frage kann dazu führen, dass eine Diskussion endlos im Kreis läuft. Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie oder Moral erscheinen auf den ersten Blick eindeutig. Tatsächlich verbinden Menschen sehr unterschiedliche Vorstellungen mit ihnen. Patel Aufforderung lautet deshalb, genauer hinzusehen: Worüber reden wir eigentlich? Was meinen wir mit einem bestimmten Wort? Welche Tatsachen kennen wir, und was haben wir nur angenommen?

Das ist heute nicht weniger wichtig als zur Entstehungszeit des Buches. Nachrichten, Behauptungen und empörte Urteile verbreiten sich in wenigen Sekunden. Oft reagieren Menschen bereits auf eine Überschrift, ohne den dazugehörigen Text zu kennen. Eine Behauptung wird geteilt, weil sie zur eigenen Meinung passt. Eine einzelne Erfahrung wird zum Beweis für eine allgemeine Regel. Patels Aufforderung, Begriffe zu klären, Belege zu prüfen und die eigene Schlussfolgerung noch einmal anzusehen, wirkt vor diesem Hintergrund ausgesprochen zeitgemäß.

Manchmal ist seine Darstellung komisch, manchmal unbequem. Denn selbstverständlich nimmt Patel nicht nur die Denkfehler der anderen unter die Lupe. Wer das Buch liest, wird früher oder später bei den eigenen Gewohnheiten landen. Niemand denkt immer nur klar und logisch. Niemand ist vollständig frei von Vorurteilen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob wir bereit sind, das zu bemerken.

Sogar das Lügen betrachtet Patel differenziert. Ein absolutes „Du sollst nicht lügen“ hilft wenig, wenn eine Lüge einen verfolgten Menschen retten kann. Entscheidend sind für Patel der Zusammenhang und die Folgen. Eine Notlüge ist nicht mit einer Lüge gleichzusetzen, durch die Menschen getäuscht, ausgebeutet oder in einen Krieg geführt werden. Auch hier misstraut er fertigen Geboten und verlangt, selbst zu urteilen.

Das bedeutet aber auch nicht, dass alles beliebig wäre. Im Gegenteil: Sich selbst ein Bild zu  machen ist anstrengender, als sich auf eine Vorschrift zu berufen. Man muss die Umstände betrachten, mögliche Folgen abwägen und Verantwortung für die eigene Entscheidung übernehmen. Genau darin liegt für Patel der Unterschied zwischen Gehorsam und Ethik.

Beide Bücher gehören deshalb zusammen. Wer sein einziges Leben bewusst und selbstbestimmt führen will, muss bereit sein, das eigene Denken zu prüfen. Und wer klar denken möchte, darf weder religiöse noch politische oder gesellschaftliche Behauptungen ungefragt übernehmen.

Patel schrieb darüber nicht nur. Er handelte auch danach. Sein Lebensweg war ungewöhnlich. Er wurde 1934 in einem kleinen Dorf in Indien geboren, machte bereits mit vierzehn Jahren Abitur und erwarb mit neunzehn ein Diplom in Zoologie. Später studierte er in Bonn Medizin. Er wurde Chirurg und Urologe, entwickelte neue Operationstechniken und arbeitete in verschiedenen Ländern. Daneben beschäftigte er sich mit Philosophie, Ethik und Kunst.

Vierzig Jahre lang operierte er jeweils während seines Jahresurlaubs unentgeltlich bedürftige Menschen in Indien und Afrika. Gemeinsam mit seiner Frau Ute Patel-Mißfeldt unterstützte er in Indien Kindergärten und Schulen mit mehr als 5000 Kindern sowie eine Frauenorganisation in den Slums von Bhavnagar.

Das passt zu seiner Vorstellung von Glück. Das eigene gute Leben und der Blick auf andere waren für ihn keine Gegensätze. Freiheit bedeutete nicht, dass jeder nur an sich selbst denkt. Sie bedeutete für ihn, ohne religiöse oder ideologische Bevormundung zu urteilen und Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen.

Seine Frau schrieb über ihn, er habe sich mit allem, was er hatte, für Gerechtigkeit eingesetzt. Wer seine Bücher liest, erkennt darin denselben Menschen: streitbar, neugierig, furchtlos und nicht bereit, sich mit bequemen Antworten zufriedenzugeben.

Vallabh Patel starb am 26. September 2017. Seine Bücher sind geblieben.

Wenn ich heute wieder eines davon einpacke, ist das für mich deshalb mehr als eine weitere Bestellung. Irgendwo wird ein Mensch Vallabh Patels Gedanken kennenlernen, ihnen zustimmen, ihnen widersprechen und über das eigene Leben nachdenken. Vielleicht wird dieses Buch weitergegeben, vielleicht bleibt es jahrelang im Regal und wird irgendwann erneut aufgeschlagen. Bücher gehen manchmal Wege, von denen weder ihre Autoren noch ihre Verleger etwas erfahren.

Viel mehr kann ein Autor kaum hinterlassen.

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