Manchmal wirkt unsere Zeit merkwürdig widersprüchlich. Noch nie hatten Menschen so schnellen Zugriff auf Informationen, Meinungen und Wissen. Gleichzeitig entsteht bei vielen das Gefühl, innerlich orientierungsloser zu werden. Gewissheiten lösen sich auf, vertraute Weltbilder geraten ins Wanken, und nicht wenige spüren, dass sie zwar ständig beschäftigt sind – aber trotzdem nach etwas suchen, das tiefer geht.
Wer seine Sicherheiten aus religiösen Bindungen zieht, stellt vielleicht fest, dass er keine Antworten mehr auf die eigentlichen Lebensfragen findet. Aber auch Atheisten, Agnostiker, Humanisten – Freigeister jeglicher Couleur – stellen sich immer wieder von Neuen solche Fragen.
Wie wollen wir leben?
Was gibt unserem Leben Sinn?
Wie finden Menschen Orientierung, ohne sich festen Dogmen unterzuordnen?
Und wie gelingt ein bewusstes, erfülltes Leben in einer Welt, die oft laut, hektisch und widersprüchlich erscheint?
Solche Fragen begleiten den Humanismus seit langem. Und manchmal wirken Bücher, die sich damit beschäftigen, Jahre oder sogar Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen plötzlich wieder erstaunlich aktuell.
In den letzten Tagen habe ich zwei ältere Titel aus dem Angelika Lenz Verlag erneut in die Hand genommen: „Leben ohne Religion“ von Paul Kurtz und „Die Kunst zu sein“ von Hubertus Mynarek. Beide Bücher könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher wirken.
Paul Kurtz nähert sich dem Thema eher philosophisch und humanistisch. Er stellt die Frage, ob Menschen ein verantwortungsbewusstes, sinnvolles Leben auch ohne religiöse Gewissheiten führen können – und beantwortet sie mit einem klaren Ja. Dabei geht es ihm nicht nur um Religionskritik, sondern um die Suche nach einer vernünftigen, humanen Lebenshaltung.
Hubertus Mynarek dagegen schreibt existenzieller, persönlicher und oft beinahe poetisch. Sein Buch kreist um die Idee, dass Leben mehr sein kann als bloßes Funktionieren. Dass bewusstes Leben eine Art Lebenskunst ist. Und dass viele Menschen vielleicht gerade deshalb unzufrieden bleiben, weil sie zwar ständig beschäftigt sind, aber ihr eigenes Leben kaum noch wirklich wahrnehmen.
Beide Bücher verbindet ein Gedanke, der heute fast aktueller wirkt als früher: Die großen Lebensfragen verschwinden nicht, wenn traditionelle Gewissheiten verschwinden. Vielleicht beginnen sie dann sogar erst richtig.
Gerade in einer Zeit permanenter Ablenkung wächst bei vielen Menschen wieder die Sehnsucht nach Tiefe, nach Orientierung und nach Gedanken, die nicht nach wenigen Sekunden wieder verschwinden.
Humanismus bedeutet dabei weit mehr als bloße Religionskritik. Humanismus ist auch die Aufforderung, Verantwortung für das eigene Denken und Leben zu übernehmen. Dabei geht es nie um fertige Antworten, sondern um einen offenen Prozess: bewusst leben, hinterfragen, weiterdenken.
Für alle, die gern selbst (weiter-)denken, ist das eine moderne Form von Lebenskunst. Humanisten geht es nicht darum, endgültige Wahrheiten zu besitzen. Aber sie nehmen ihre eigenen Fragen ernst.


Ein Leben ohne Gewissheiten, wie sie die Religion bietet (anbietet…),macht es nötig, sich selber mit vielen existentiellenFragen, insbesondere Problemen, auseinanderzusetzen. Tritt dann die Vernunft an die Stelle des Glaubens? Ich entsinne mich, es war ein Lebensthema des Papstes Benedikt XIV, dass sich beides vereinbaren lasse, also kein sich ausschließender Gegensatz sei. Ich stimme dieser Lesart zu.
Doch dann fällt mir noch Kierkegaard ein, der den Glauben als „Sprung“ bezeichnete. Und im Internet (so was weiß ich selbstverständlich nicht!) las ich dazu, „über den eigenen Verstand und den eigenen Lebensentwurf hinausführen, läßt sich der Weg ins Christsein nicht schrittweise, sondern nur durch einen qualitativen Sprung zurücklegen. Mit der Vernunft unvereinbar ist der Glaube so das, „was die Griechen den göttlichen Wahnwitz nannten.““
Sicher ist, es gibt Religion Halt im Leben, und das daraus resultierende Urvertrauen lässt bestimmt weniger an den Ungerechtigkeiten, Verwerfungen, Verbrechen verzweifeln, die uns tagtäglich begegnen.
Liebe Christiane, vielen Dank für deinen sehr guten Beitrag! Für mich als jemand, der nie Mitglied einer Kirche war, ist es keine Frage: Ich setze tatsächlich vor allem auf Vernunft und mir fehlt nichts. Aber gerade weil ich nicht an „Lenkung von außen“ glaube, bin ich der Überzeugung, dass wir selbst verantwortlich für unser Leben sind. Es kommt darauf an, was wir daraus machen, wie wir mit unseren Mitmenschen und der Umwelt umgehen. Wir können uns nicht auf höhere Mächte verlassen – finde ich. Man kann sich trotzdem und gerade deshalb mit allem verbunden und gut aufgehoben fühlen 🙂
Es ist sehr empfehlenswert, die außerordentlich gut gelungene Rezension von Erich Satter (unter Buchtitel-Link) einst im hpd zu lesen.
Falls diese noch nicht in WoD abgedruckt war, dann wäre dies nachholenswert.
Lieber Stephan, danke für deinen Hinweis! Die wirklich gelungene Rezension von Erich Satter findet sich übrigens auch in der Buchbeschreibung in meinem Verlagsshop. https://lenz-verlag.de/buch/die-kunst-zu-sein-philosophie-ethik-und-aesthethetik-sinnerfuellten-lebens/