Warum Menschen an Götter glauben – und warum sie sie wieder verabschieden

von | Mai 21, 2026 | Denkanstöße, Religionskritik | 0 Kommentare

Seit Jahrtausenden glauben Menschen an Götter, höhere Mächte, Schöpferwesen oder unsichtbare Kräfte. Religionen entstanden auf allen Kontinenten, in unterschiedlichsten Kulturen und oft unabhängig voneinander. Manche dieser Glaubenssysteme verschwanden wieder, andere prägen bis heute ganze Gesellschaften.

Doch warum glauben Menschen überhaupt?

Der Jurist und Religionskritiker Robert Kaufmann geht dieser Frage in seinem Buch Götter-Menschen, Menschen-Götter – Der überfällige Abschied von Götzenbildern nach – philosophisch, psychologisch und naturwissenschaftlich. Seine Grundthese ist für viele provokant: Nicht Götter erschufen den Menschen, sondern Menschen erschufen ihre Götter.

Kaufmann beschreibt Religionen als menschliche Konstruktionen, entstanden aus Sinnsuche, Angst, Unsicherheit und dem Wunsch nach Ordnung. Menschen wollten Naturphänomene erklären, Antworten auf existenzielle Fragen finden und Kontrolle über das Ungewisse gewinnen. Daraus entwickelten sich religiöse Vorstellungen, Rituale und schließlich ganze Machtstrukturen.

Besonders interessant ist seine Beobachtung, dass Religionen oft eng mit Autorität und Hierarchie verbunden sind. Wer behauptet, im Namen Gottes zu sprechen, gewinnt Einfluss über andere Menschen. Religiöse Systeme schaffen Regeln, Gebote und moralische Vorgaben – häufig verbunden mit Belohnung und Strafe, Himmel und Hölle, Schuld und Erlösung.

Kaufmann kritisiert dabei nicht nur einzelne Religionen, sondern den Mechanismus selbst: Menschen übernehmen Glaubensvorstellungen meist nicht aufgrund eigener Prüfung, sondern weil sie von Familie, Gesellschaft und Tradition vermittelt werden. Religion wird häufig vererbt wie Sprache oder kulturelle Gewohnheiten.

Gleichzeitig betont das Buch die Bedeutung von Vernunft und kritischem Denken. Wissenschaftliche Erkenntnisse hätten bereits viele religiöse Weltbilder erschüttert – etwa Vorstellungen über die Entstehung der Erde oder die Sonderstellung des Menschen im Universum. Trotzdem halten sich religiöse Denkmodelle oft erstaunlich hartnäckig.

Interessant ist dabei, dass Kaufmann Religion nicht nur als individuelles Glaubensproblem betrachtet, sondern auch als gesellschaftliches Machtinstrument. Wer absolute Wahrheiten verkündet, entzieht sich häufig kritischer Diskussion. Zweifel gelten dann schnell als moralisch problematisch oder gefährlich.

Der Gegenpol heißt Humanismus. Humanisten dürfen Fragen stellen, widersprechen und selbständig denken, ohne sich an Dogmen halten zu müssen. Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen Glauben und Erkenntnis. Glauben verlangt oft Vertrauen in Autoritäten. Erkenntnis dagegen entsteht durch Zweifel, Prüfung und die Bereitschaft, alte Vorstellungen zu verändern.

Oder anders gesagt: Der Abschied von Götzenbildern beginnt möglicherweise nicht mit Rebellion, sondern mit einer einfachen Frage:

„Woher weiß ich eigentlich, dass das stimmt?“

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