Schweigen ist Silber? Warum gesellschaftliches Engagement Mut braucht

von | Mai 20, 2026 | Gesellschaft | 2 Kommentare

Der Titel „Schweigen ist Silber“ klingt zunächst beinahe zurückhaltend. Vielleicht sogar so, als ginge es darum, sich lieber nicht zu laut einzumischen. Doch genau das Gegenteil beschreibt dieses Buch.

Ingrid Gräfin zu Solms-Wildenfels erzählt darin von einem langen Weg in die Öffentlichkeit — als Ärztin, Rednerin, Organisatorin, Netzwerkerin, Stifterin und gesellschaftlich engagierte Frau. Die Texte und Reden des Buches spiegeln mehrere Jahrzehnte gesellschaftlicher Entwicklung wider und zeigen zugleich, wie selbstverständlich Frauen in vielen Bereichen lange unterschätzt oder an den Rand gedrängt wurden.

Besonders interessant ist dabei, dass vieles nicht theoretisch beschrieben wird, sondern aus konkreten Erfahrungen entsteht.

Schon die erste Rede der Autorin entwickelte sich aus einer beinahe zufälligen Situation. Eigentlich war sie nur als „Ersatz“ für einen ausgefallenen männlichen Redner eingeladen worden — verbunden mit der unausgesprochenen Frage, ob eine Frau über ein angebliches „Männerthema“ überhaupt sprechen könne.

Aus dieser Erfahrung entstand für sie ein Weg, der weit über ihren medizinischen Beruf hinausführte: in Frauenverbände,
internationale Organisationen, gesellschaftspolitisches Engagement, Stiftungsarbeit und öffentliche Debatten.

Gerade die Kapitel über Zonta International zeigen eindrucksvoll, wie stark engagierte Frauen bereits in den 1980er und 1990er Jahren versuchten, gesellschaftliche Veränderungen aktiv mitzugestalten — oft neben Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen. Dabei ging es nicht nur um symbolische Gleichberechtigung, sondern um konkrete Teilhabe, Netzwerke, Bildung, internationale Zusammenarbeit und die Unterstützung anderer Frauen.

Das Buch erzählt damit auch ein Stück Zeitgeschichte. Viele Themen sind heute immer noch oder wieder aktuell: Frauen in Führungspositionen, öffentliche Sichtbarkeit, gesellschaftliche Verantwortung, Menschenrechte, politisches Engagement und die Frage, wie gesellschaftlicher Wandel überhaupt entsteht.

Interessant ist dabei vor allem der Ton des Buches. Die Texte wirken nicht verbittert oder ideologisch verhärtet. Vielmehr entsteht das Bild einer Frau, die sich Schritt für Schritt Gehör verschafft hat — nicht durch Lautstärke allein, sondern durch Beharrlichkeit, Bildung, Engagement und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Darin liegt die eigentliche Botschaft von „Schweigen ist Silber“: dass gesellschaftliche Veränderungen nicht von selbst entstehen. Menschen müssen bereit sein, sich einzumischen, Haltung zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen, gerade dann, wenn Widerstände entstehen oder der einfachere Weg darin bestünde zu schweigen.

Heute, in einer Zeit schneller Empörung und gleichzeitig wachsender Unsicherheit vieler Menschen, wirkt diese Form langfristigen gesellschaftlichen Engagements fast ungewöhnlich ruhig und konsequent.

2 Kommentare

  1. Christiane Höselbarth

    Gräfin Dr.med. Solms-Wildenfels ist eine bemerkenswerte Frau – auch im eigentlichen, im Wortsinne: Man bemerkt sie! Vor allem wegen ihres Engagements für Frauen (und zwar solche, die sich in den Wissenschaften hervortun), ihres liberalen Denkens und Handelns, ihrer Willensstärke und Überzeugungskraft – das sucht seinesgleichen!

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    • Ortrun Lenz

      Ja, liebe Christiane, da kann ich nur uneingeschränkt zustimmen!

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