Nicht jeder Trend führt ans Ziel

von | Juli 9, 2026 | Aktuelles | 0 Kommentare

Als Verlegerin könnte ich marketingtechnisch vermutlich jeden Tag etwas Neues ausprobieren. Kaum hat man sich an eine Plattform gewöhnt, wird die nächste zum absoluten Muss erklärt. Erst sollte man regelmäßig auf Facebook posten. Dann waren es Instagram und Pinterest, TikTok und selbstverständlich LinkedIn. Danach hieß es plötzlich: Ohne Videos geht gar nichts mehr. Wer Erfolg haben will, müsse vor die Kamera und kurze Reels produzieren. Man sollte persönliche Einblicke geben und diese möglichst täglich in einer Story veröffentlichen. Dann plötzlich: Du postest noch Reels? Nein, jetzt sind Karussell-Posts mit bis zu 20 Slides angesagt! Und am besten beginnt jede Folie mit einem sogenannten Hook. Nimm viele Hashtags! Nein, höchstens fünf. Nein, gar keine mehr, völlig unnötig!

Natürlich habe ich vieles ausprobiert, auch manches, wovon ich nur so mittelüberzeugt war. Aber ich bin ja auch neugierig und wollte wissen, ob die anderen vielleicht recht haben. Schließlich ist Buchhandel ein nicht (mehr) ganz so einfaches Geschäft, also: Warum nicht alles austesten?

Aber früher oder später stellte sich ein ganz anderer Effekt ein: Wenn alle behaupten, dass ein bestimmter Weg der einzig richtige zum Erfolg ist, dann beginne ich unweigerlich, an meinen Entscheidungen zu zweifeln.

Eine Zeit lang habe ich tatsächlich versucht, Schritt zu halten. Ich habe mich mit Algorithmen beschäftigt, Veröffentlichungszeiten verglichen und neue Formate getestet. Immer wieder gab es neue Ratschläge. Kaum hatte man den einen umgesetzt, wurde schon der nächste empfohlen. Irgendwann fiel mir auf, dass ich immer häufiger darüber nachdachte, wie ich etwas veröffentlichen sollte – und immer seltener darüber, was ich eigentlich sagen wollte. Das war der Moment, an dem ich angefangen habe umzudenken.

Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich plötzlich mehr Zeit damit verbrachte, über Formen nachzudenken als über Inhalte. Besonders deutlich wurde mir das, als ich wieder einmal ein Webinar besuchte. Dort wurde erklärt, dass heute angeblich nur noch Videokurse funktionieren würden. Selbstlernkurse seien überholt, hieß es. Wer erfolgreich sein wolle, müsse regelmäßig live gehen, persönliche Einblicke geben und seine Community möglichst eng begleiten.

Ich hörte aufmerksam zu und fragte mich gleichzeitig: Bin das überhaupt noch ich? Ich schreibe gern. Ich arbeite gern an Büchern und Texten, lese gern Korrektur, mache Lektorat und Layout, überlege mir das passende Titelcover-Design für ein Buch. Ich mag durchdachte Inhalte, die man in Ruhe lesen und später noch einmal zur Hand nehmen kann. Muss ich wirklich jemand anderes werden, nur weil gerade ein bestimmtes Geschäftsmodell als besonders erfolgversprechend gilt?

Ich bin Verlegerin geworden, weil ich gute Bücher veröffentlichen möchte. Weil mich freigeistige Gedanken faszinieren. Weil ich Autoren begleiten, Texte besser machen und Menschen zum Nachdenken anregen möchte. Es war nie mein Ziel, jeden Monat einer neuen Plattform oder den neuesten Regeln sozialer Netzwerke hinterherzulaufen.

Interessanterweise habe ich während meiner Testphase bei Pinterest gemerkt, dass Inhalte durchaus eine längere Lebensdauer haben können. Pinterest funktioniert eben anders als klassische soziale Netzwerke, denn man braucht dort keine Follower, mit denen man interagiert. Die Pins dürfen direkt auf die eigenen Seiten führen, das ist sogar der Sinn der Sache.

Während also Social-Media-Plattformen die User möglichst lange auf der eigenen Plattform halten wollen, ist Pinterest dazu da, auf externe Inhalte aufmerksam zu machen. Sehr sympathisch, wenn auch vielleicht nicht für jedes Thema kompatibel – aber das ist eine andere Geschichte. Auf Social Media sind Beiträge also oft nur wenige Stunden oder Tage sichtbar und gehen danach im Strom neuer Meldungen unter.

Ein Artikel auf dem eigenen Blog jedoch hat durchaus länger Bestand. Manche Leser entdecken Texte erst lange nach ihrer Veröffentlichung. Gerade das gefällt mir. Gute Gedanken haben kein Verfallsdatum.

Natürlich nutze ich Social Media auch weiterhin. Es wäre unsinnig, auf diese Möglichkeiten völlig zu verzichten. Aber ich habe aufgehört zu glauben, dass jeder neue Trend automatisch der richtige Weg für mich sein muss. Stattdessen frage ich mich heute etwas anderes: Hilft das, was ich poste, meinen Leserinnen und Lesern wirklich?

Deshalb schreibe ich wieder häufiger Artikel, hier auf meiner eigenen Seite, aber auch z.B. beim Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften und in anderen Medien. Ein Blogbeitrag hat ein längeres Haltbarkeitsdatum. Er kann Wochen, Monate oder sogar Jahre später noch gelesen werden. Und ich kann Gedanken entwickeln, die sich nicht in eine Story oder einen kurzen Feedbeitrag quetschen lassen.

Damit bin ich nicht besonders modern, und ich werde niemals alle Geheimnisse der Algorithmen verstehen. Aber ich habe etwas anderes wiederentdeckt: die Freude am Schreiben. Und ich glaube, dass gute Inhalte langfristig mehr bewirken als jeder kurzfristige Trend. Manchmal lohnt es sich, einfach den eigenen Weg weiterzugehen.

Wahrscheinlich wird morgen schon der nächste Trend ausgerufen und wir sollen wieder alles ganz anders machen.

Na ja, dann macht mal. Ich hole mir schon mal Popcorn 😉

Und wenn mich etwas wirklich reizt, werde ich sicher auch wieder Neues ausprobieren, warum auch nicht. Aber ich werde nicht mehr jedem Trend hinterherlaufen. Manche Wege führen eben weiter als bis zum nächsten Algorithmus.

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