Ich frage mich manchmal, warum wir eigentlich so sicher sind, dass wir lernfähig sind. Natürlich sind wir das – irgendwie. Wir sammeln Erfahrungen, wir wissen mehr als früher, wir halten uns für aufgeklärter. Und trotzdem sieht man überall, wie sich Dinge wiederholen. Im Großen, in der Geschichte, aber genauso im eigenen Leben. Man denkt, man hätte etwas verstanden, und steht dann doch wieder an einem ganz ähnlichen Punkt wie vorher.
„Moral des Lernens – Vom Umgang mit unserer Unvollkommenheit“ von Peter Rozin hat mich beschäftigt, weil es eine unangenehme Frage stellt: Was, wenn unser Lernen gar nicht das ist, was wir glauben? Wenn es nicht automatisch dazu führt, dass wir klarer sehen, sondern uns im Zweifel nur stabiler in dem macht, was wir ohnehin schon denken?
Das klingt zunächst widersprüchlich, aber je länger man darüber nachdenkt, desto einleuchtender wird es. Lernen heißt ja erst einmal nur: etwas übernehmen. Das kann eine Einsicht sein, aber genauso gut ein Irrtum. Vielleicht ist es eine Erfahrung, möglicherweise aber auch nur ein festgefahrenes Muster. Und oft merken wir gar nicht, wie sehr unser Denken von Dingen geprägt ist, die wir nie wirklich überprüft haben.
Besonders heikel wird es, wenn diese Überzeugungen sich festsetzen. Wenn man nicht mehr fragt, weil man glaubt, es zu wissen. Natürlich ist es angenehm, sich sicher zu fühlen. Dieses Gefühl von Sicherheit hat etwas Beruhigendes – gleichzeitig aber auch eine gefährliche Seite. Wenn man sich allzu sicher ist, hört das Lernen im eigentlichen Sinne auf. Dann geht es nicht mehr darum, etwas zu verstehen, sondern nur noch darum, die eigenen Überzeugungen zu verteidigen.
Was mir an diesem Buch gefällt, ist, dass es nicht mit erhobenem Zeigefinger daherkommt. Es sagt nicht: Du machst alles falsch. Es sagt eher: Schau genauer hin, gerade auch auf dich selbst. Guck auf die eigenen Fehler, die eigenen blinden Flecken, die schnellen Gewissheiten. Und stell dir auch mal die Frage, wie man mit ihnen umgeht.
Fehler sind ja gar nicht das Problem. Im Gegenteil – ohne sie würde man gar nicht weiterkommen. Entscheidend ist nur, ob man bereit ist, sie stehen zu lassen oder ob man sie wirklich anschaut. Das ist der Teil, der zwar unangenehm ist, dafür aber auch etwas in Bewegung bringt.
Ich habe beim Lesen immer wieder gemerkt, wie schnell man dazu neigt, sich selbst als Ausnahme zu sehen. Man liest über Arroganz, über blinden Glauben an Autoritäten, über festgefahrene Denkmuster – und denkt fast automatisch an andere Menschen. Ich? Nein! Ich bin doch nicht so! Bis einem irgendwann auffällt, dass man selbst gar nicht so weit davon entfernt ist.
Dieses Buch kommt nicht als neue, große Theorie daher, sondern lenkt einfach nur den Blick auf unsere kleinen und großen Schwächen. Es erinnert daran, vorsichtiger mit der eigenen Sicherheit umzugehen. Der Autor legt uns ans Herz, Dinge auch mal offen zu lassen. Mir hat das Buch vor allem die Einsicht noch einmal deutlicher gemacht, dass man nie fertig ist – und dass genau das keine Schwäche ist, sondern eher eine Chance.
„Moral des Lernens“ ist kein Buch, das man einfach konsumiert und dann abhakt. Es arbeitet eher nach innen weiter. Und wenn man sich darauf einlässt, kann es etwas verändern – nicht spektakulär, aber spürbar.


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