Ereignisse verändern unseren Blick, überraschende Ideen manchmal auch

von | Apr. 9, 2026 | Humanismus | 2 Kommentare

Es gibt Bücher, die liest man – und legt sie wieder weg. Und es gibt Bücher, die lassen einen nicht mehr ganz los, weil sie einen Gedanken in den Raum stellen, der sich nicht mehr so einfach zurückholen lässt. „Heimatland: Erde“ gehört für mich in diese zweite Kategorie. Vielleicht liegt es daran, dass die Geschichte, die hier erzählt wird, zunächst fast unglaublich klingt – und dann doch erschreckend logisch ist.

Herausgeber Stephan Mögle-Stadel erzählt hier die Geschichte des Mannes, der mit seinem aufsehenerregenden Verhalten die Menschenrechte erkämpfte. Es geht um die Story des ehemaligen US-Bomberpiloten Garry Sol Davis, der seine US-amerikanische Staatsangehörigkeit zurückgegeben hatte und als staatenloser Asylsucher und „Weltbürger Nr. 1“ auf dem exterritorialen Gelände der UNO kampierte. Unterstützt von Albert Einstein, Nehru und Albert Schweitzer stürmten die Kosmopoliten, darunter Albert Camus, Abbé Pierre und André Breton, die UNO …

Garry Davis, damals ein junger Mann, gibt 1948 seine Staatsbürgerschaft ab. Nicht aus Trotz, nicht aus persönlicher Verzweiflung, sondern aus einer Überzeugung heraus: dass die Menschheit längst über die Grenzen der Nationalstaaten hinausgewachsen ist. Dass die Idee, Menschen nach Zugehörigkeiten zu sortieren, nicht mehr trägt. Und dass man daraus Konsequenzen ziehen muss.

Das klingt heute, in einer Zeit, in der über Grenzen, Migration und nationale Interessen so intensiv gestritten wird, fast wie ein Gedankenexperiment. Damals war es eine reale Handlung – mit sehr realen Folgen.

Davis lebte als Staatenloser. Er reiste mit einem Weltbürgerpass. Er wurde festgenommen, ausgewiesen, wieder festgenommen. Immer wieder stieß er auf eine Welt, die auf eines nicht vorbereitet war: auf einen Menschen, der sich nicht einordnen ließ. Was passiert, wenn jemand aus dem System fällt, nicht weil er ausgeschlossen wird, sondern weil er selbst sagt: Ich gehöre nicht nur hierher? Diese Frage zieht sich wie ein leiser roter Faden durch das ganze Buch.

Und je länger man darüber nachdenkt, desto mehr verschiebt sich die Perspektive. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um diesen einen Menschen. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: um die Art, wie wir die Welt ordnen. Wir sind es gewohnt, Zugehörigkeit als etwas Selbstverständliches zu betrachten. Nationalität, Herkunft, Identität – all das scheint festzustehen. Doch genau das stellt diese Geschichte infrage. Denn wenn ein Mensch seine Staatsbürgerschaft ablegen kann, ohne aufzuhören, Mensch zu sein – was bedeutet dann überhaupt „Zugehörigkeit“?

Und noch eine zweite Frage drängt sich auf, fast unweigerlich: Warum wirkt dieser Schritt heute so radikal, obwohl wir gleichzeitig in einer Welt leben, die globaler ist als je zuvor? Menschen bewegen sich über Kontinente hinweg, Waren, Informationen und Ideen ohnehin. Und doch sind die Grenzen nicht verschwunden – im Gegenteil. Sie sind sichtbarer geworden, härter, umkämpfter. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass die Geschichte von Garry Davis gerade jetzt wieder so aktuell wirkt. Denn das, was er damals verkörperte, begegnet uns heute in anderer Form wieder: in Menschen, die keine gültigen Papiere haben, die zwischen Staaten stehen, die nicht eindeutig zugeordnet werden können oder dürfen. Nur dass wir heute andere Worte dafür verwenden.

Der Unterschied ist: Davis hat diesen Zustand damals bewusst gewählt. Viele Menschen heute haben keine Wahl.

Und genau an diesem Punkt beginnt der Text, unbequem zu werden. Denn er zwingt dazu, den Blick zu verschieben. Weg von der Frage, wer „dazugehört“ und wer nicht – hin zu der Frage, ob die Kategorien selbst noch tragen, mit denen wir arbeiten. Das Buch liefert darauf keine einfachen Antworten. Es ist keine politische Programmschrift und auch kein theoretischer Entwurf einer neuen Weltordnung. Es ist eine Geschichte, eine Biografie, und gerade deshalb wirkt sie so stark. Weil sie zeigt, was passiert, wenn jemand einen Gedanken ernst nimmt und ihn lebt.

Das ist sicher der eigentliche Kern dieses Buches: nicht die Idee des Weltbürgertums an sich, sondern der Mut, eine Konsequenz daraus zu ziehen. Man muss diese Konsequenz nicht teilen. Man muss die Idee, einen selbstgemachten Weltbürgerpass einzusetzen, nicht mögen. Aber man kann sich der Logik dieses damals sehr mutigen Verhaltens auch nicht ganz entziehen. Darin liegt eben die Kraft solcher Bücher. Sie geben keine fertigen Antworten. Aber sie verändern die Fragen und zeigen Möglichkeiten, die Welt mit anderen Augen zu sehen, als wir es gewohnt sind. Und manchmal reicht das schon.

Das Buch „Heimatland: Erde – Die Odyssee des Weltbürgers Nr. 1“ ist im ALV-Shop erhältlich.

(Das Foto zeigt Stephan Mögle-Stadel mit Garry S. Davis und den Statuen von Eleanor und Franklin D. Roosevelt © ALV)

2 Kommentare

  1. Stephan

    Liebe Ortrun, sehr sinniger Blog-Text.
    Danke dafür. Ja, Garry hat die Immigrations- und Reimmigrations-Debatte unserer Zeit quasi vorweggenommen. Gerade in unseren Tagen, wo der Nationalismus
    (ICE in USA, Iran-Krieg etc. pp.) wieder bellt, beisst & brennt, ist der Gedanke, dass ein Mensch sagt, mir reicht’s mit dieser übertriebenen Religions- & Nationalstaatszuge.hörigkeit faszinierend und ermutigend. Schön, dass Du in Deinem Blog und der Verlags-Mail (die ich auch an meine Kontakte weitergeleitet habe) daran erinnerst. LG, Stephan

    Antworten
  2. Wolfgang Heuer

    Politische Grenzen sind einer der vielen Aspekte der „Zivilisation“, in der der größte Teil der Menschheit heute lebt – neben einem kleinen Rest von Naturvölkern. Alle anderen früheren Naturvölker wurden von den „Hochkulturen“ seit Beginn von „Zivilisation“ „erobert“ / zerstört und / oder versklavt – allegorisch-symbolisch dargestellt durch die Legende von Kain und Abel.

    Naturvölker waren / sind die einzigen wahren (spirituell bewußten) Kulturen. Daher „Volk Gottes“ genannt (bei Moses).

    Deren Kultur(en) wurden entwickelt von den ersten Menschen durch die Wahrnehmung / Erkenntnis der spirituellen (Geist-)Ebene des Seins und Bewußtseins im Prozeß der kollektiven Menschwerdung vor etlichen hunderttausend oder x Mio. Jahren.

    Die Zivilisation entstand durch den Ausbruch der „kollektiven Neurose (der Zivilisation)“ (Jung; Frankl; Fromm; Bodamer; Meves, usw.) vor >17.000 J. (in Asien?), die sich pandemisch ausbreitete und durch Römer und „Kirche“ im Abendland / „Westen“ verbreitet wurde.

    Hier ein Auszug meiner Erkenntnisse aus 78 Lebensjahren; davon die letzten 36 Jahre im Thema:

    Kollektive Neurose (Wolfgang Heuer, 2025)

    Die wesentliche Ursache der Zivilisation / „Hochkultur(en)“ und aller ihrer Fehlentwicklungen / Mißstände in der zivilisierten Gesellschaft (und durch sie) ist „Die (DIE) Krankheit der Gesellschaft“ (Kütemeyer, Fromm, Krishnamurti, u.a.), eine „kollektive Neurose“ (Freud, Fromm, Frankl, Bodamer, Eysenck, Meves, Kohlross, u.a.), wie der (Gattungs-)Begriff in der Soziologie lautet; eine massenhafte Trauma-(Nichtheilungs-)Störung der nichtmateriellen Seele – nicht der materiellen „Psyche“, wie die Psychiatrie den Gegenstand ihres Wirkens nennt.

    Dieses Problem wird vehement verschwiegen / geleugnet / fehlgedeutet und die Autoren und ihre Schriften diskreditiert, so daß viele Menschen gar nichts darüber wissen – und leider sind die meisten derer, die von der (Kollektiven) Neurose wissen, aus Gründen eigener Befallenheit / Beeinträchtigung nicht befähigt, das wahre Ausmaß des Phänomens zu erkennen – sondern nur die „Spitze des Eisbergs“.

    Die Angst vor der Wahrheit ist pathologisch (neurotisch = „Angst- / Unsicherheits-Störung“), kann aber – und muß (für die Heilung) – überwunden werden.

    Kollektive Neurosen bestehen aus den individuellen Neurosen der (Mehrheit der) Mitglieder des – jeweiligen, gemeinten – Kollektivs.

    Neurose verstehe ich primär als den Zustand zwischen seelischer Verletzung / Traumatisierung und grundlegender, natürlicher, Heilung.
    Neurose ist in Wahrheit weitaus mehr als die in div. Veröffentlichungen beschriebenen auffälligen Symptome.

    Der größere Teil der Symptome „versteckt“ sich in der – angeblichen, vermeintlichen – „Normalität“ der zivilisierten Gesellschaft. Die Krankheit selbst „versteckt“ sich im Unbewußten der Befallenen.

    „Normopathie“ bezeichnet die neurose-bedingte Schwäche / Störung, sich an die kranke „Normalität“ der Gesellschaft anzupassen bzw. zumindest bei anderen als „normal“ zu gelten.

    Im Zustand der Neurose befindet sich die Seele – die ich als rein energetisches (nichtmaterielles, feinstoffliches) Lebewesen sehe – in einer Art „Rückzugs- / Schutzhaltung“, wodurch ihr Leistungs-Potenzial für den materiellen (grobstofflichen) Aspekt des Menschen nur begrenzt verfügbar ist.
    Möglicherweise ist die (Aktivität der) Seele auch von „Fremdenergien“ / abgespaltenen Gefühlsenergien „blockiert“.

    Das Leistungs-Potenzial der Seele umfaßt im Wesentlichen ZWEI Komponenten:

    1.: (Universelle / kosmische) ENERGIE (nichtmaterielle, feinstoffliche, Lebens-Energie, Kraft der Liebe und des Friedens, Heilkraft, Kraft des freien Willens, usw.)
    und
    2.: (Universelle, kosmische) INFORMATION (intuitive Erkenntnisse, Eingebungen, Ahnungen, Fügungen, „Zufälle“, Führung, Symptome, W-ahn, „Halluzinationen“, usw.).

    Bei Mangel an diesen Komponenten kann kein wahres Leben / Sein, keine gesunde Entwicklung, stattfinden – so daß befallene Menschen auch nicht wahrhaft (geistig-seelisch / spirituell) erwachsen werden können, sondern im Zustand der Unreife / Unweisheit bleiben.

    (Kollektive) Neurose sehe ich als den wesentlichen Ursachenfaktor fast aller sogenannten „Störungen“ / „Krankheiten“ einschließlich der Störung(en) der Fähigkeiten zu wahrer Verantwortung; zu echten, menschlichen, Beziehungen und Erziehung bzw. als wesentliche Ursache von Schwächen, die irrtümlich für natürlich menschlich gehalten werden.

    Kollektive Neurosen können sich steigern zu „kollektiven Psychosen“ wie Krieg, Bürgerkrieg, Aufstände, Verfolgung, Vertreibung, Terror(-ismus), Massaker, Genozid, usw..

    Der Ausbruch der Kollektiven Neurose vor >17.000 Jahren (bei vermutlich einer Gruppe verwaister traumatisierter Kinder eines Naturvolkes) führte zu Kulturverlust und zur Teilung der Befallenen in hauptsächlich 2 Symptomatik-Gruppen:
    Circa 1% eher aggressive, herzlose, böse, „Versklaver“ / Ausbeuter / Tyrannen und
    Circa 99% eher typisch neurotisch ängstliche leidende mental Versklavte.

    Bei fortgesetzter Nicht-Erkenntnis / Nicht-Heilung droht der befallenen Population Untergang und letztlich Aussterben. Entsprechende Warnungen finden wir in der Literatur – schon in der Bibel.

    Wir stehen in der Erfahrung dieser schlimmsten aller Krankheiten seit >17.000 Jahren – und vor der Herausforderung, sie nun endlich auch kollektiv zu erkennen und den Weg der grundlegenden, natürlichen, Heilung zu beschreiten.

    Das erfordert intensive wahrheitsgemäße Aufklärung – und zwar mit zunehmender Dringlichkeit; denn die Krankheit wächst exponentiell.

    Mehr darüber: http://www.seelen-oeffner.de/basis-info/ (www.Seelen-Oeffner.de)

    Aktuell:
    https://x.com/heureka47

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert