Die Krone der Schöpfung wackelt: Warum sich der Mensch so gern zum Maß aller Dinge macht

von | Aug. 12, 2026 | Denkanstöße | 1 Kommentar

Menschen sind intelligent. Sie können komplizierte Probleme lösen und über sich selbst nachdenken, sie schreiben philosophische Abhandlungen, komponieren Sinfonien und entwickeln künstliche Intelligenzen. Das ist zweifellos beeindruckend. Aber muss man daraus zwingend schlussfolgern, dass menschliche Intelligenz die wichtigste aller denkbaren Fähigkeiten ist?

Wir neigen ziemlich stark dazu, genau diejenigen Eigenschaften besonders hoch zu bewerten, in denen wir selbst als Spezies gut abschneiden. Vernunft, Sprache, abstraktes Denken, planvolles Handeln – das alles galt ja auch lange als Beweis für die Sonderstellung des Menschen. Tiere konnten angeblich nicht wirklich denken, nicht richtig fühlen, keine Werkzeuge benutzen und erst recht nicht ihr Leben planen. Ein Bewusstsein ihrer selbst besitzen sie schon mal gar nicht, auch das war lange eine verbreitete Meinung.

Je genauer wir Tiere beobachten und erforschen, desto schwieriger wird es allerdings, solche klaren Grenzen aufrechtzuerhalten.

Wer bestimmt eigentlich, was Intelligenz ist?

Ein Pferd wird keine Abhandlung über Erkenntnistheorie schreiben. Aber Pferde verfügen über eine außerordentlich feine Wahrnehmung von Körpersprache und sozialen Signalen. Sie reagieren auf kleinste Veränderungen in Haltung und Verhalten und sind höchst sensible soziale Wesen.

Hunde wiederum haben sich im Laufe ihrer langen gemeinsamen Geschichte mit uns geradezu darauf spezialisiert, Menschen zu beobachten und mit ihnen zu kommunizieren. Rabenvögel lösen komplexe Aufgaben mit oder ohne Werkzeuge, Menschenaffen benutzen ebenfalls Werkzeuge und und zeigen bei Spiegeltests Anzeichen von Selbsterkennung, und Elefanten zeigen auffällige Reaktionen auf tote Artgenossen.

Warum sollte daher ausgerechnet abstraktes Denken der Maßstab sein, an dem wir all diese Fähigkeiten messen? Vielleicht ist die Frage auch falsch gestellt, und es geht nicht einfach nur um „intelligent“ oder „nicht intelligent“, sondern um sehr unterschiedliche Formen von Wahrnehmung, Problemlösung, Kommunikation und sozialer Kompetenz.

Möglicherweise ist menschliche Intelligenz gar nicht die Spitze einer Pyramide, sondern zunächst einmal eine besonders erfolgreiche Variante unter vielen.

Nicht: Kann es denken? Sondern: Kann es leiden?

Der englische Philosoph Jeremy Bentham formulierte bereits im 18. Jahrhundert einen Gedanken, der für die Tierethik bis heute von grundlegender Bedeutung ist. Für die Frage, wie wir Tiere behandeln dürfen, hielt er weder ihre Fähigkeit zu sprechen noch ihre Fähigkeit zu vernünftigem Denken für entscheidend. Entscheidend war für ihn ihre Fähigkeit zu leiden. Das war ein bemerkenswerter Perspektivwechsel.

Denn warum sollte ein Lebewesen erst bestimmte intellektuelle Voraussetzungen erfüllen müssen, damit sein Schmerz moralisch zählt? Wenn es um Menschen geht, kämen wir schließlich auch nicht auf die Idee, Lebensrecht, Schutz vor Gewalt oder Rücksichtnahme von einem Intelligenztest abhängig zu machen. Wer besonders gut rechnen oder philosophieren kann, hat es sicher in vielem leichter im Leben. Aber hat er deshalb ein größeres Recht darauf, nicht gequält zu werden?

Für unseren Umgang mit Tieren müsste deshalb ihre Empfindungsfähigkeit eine viel wichtigere Rolle spielen als die Frage, ob ihre kognitiven Fähigkeiten den unseren ähneln. Gerade bei besonders sensiblen und sozial veranlagten Tieren entsteht daraus ein unangenehmer Widerspruch. Pferde beispielsweise werden von Menschen häufig gerade wegen ihrer Sensibilität, ihrer Lernfähigkeit und ihrer Bereitschaft zur Kooperation geschätzt. Doch genau diese Eigenschaften können dazu führen, dass sie sich besonders gut unseren Anforderungen unterwerfen lassen. Was wir so sehr bewundern, können wir also zugleich gnadenlos ausnutzen.

Bentham, Hiorth und eine Ethik ohne göttlichen Auftrag …

Bentham begegnet uns auch in Finngeir Hiorths Ethik für Atheisten. Hiorth widmet dem Utilitarismus und seinen wichtigsten Vertretern ausführlich Raum. Überhaupt geht er in diesem Buch der Frage nach, worauf sich moralisches Handeln gründen lässt, wenn keine göttlichen Gebote als letzte Instanz vorausgesetzt werden. Diese Frage ist für eine säkulare Ethik entscheidend. Um moralisch rücksichtsvoll zu handeln, braucht man keinen göttlichen Auftrag. Moralische Rücksicht lässt sich auch ohne göttlichen Auftrag begründen, etwa mit den Interessen und der Leidensfähigkeit empfindungsfähiger Wesen.

Damit verändert sich allerdings auch die Perspektive auf die vermeintliche Sonderstellung des Menschen. Wenn nicht die Zugehörigkeit zu einer von Gott ausgezeichneten Spezies und auch nicht eine bestimmte intellektuelle Leistung darüber entscheidet, wessen Interessen zählen – dann wird die Grenze zwischen „uns“ und „den anderen“ durchlässiger. Da wird die Sache natürlich plötzlich spannend und aktuell.

… und nun kommt die künstliche Intelligenz

Seit ein paar Jahren erleben wir eine neue gesellschaftliche Debatte darüber, welche Fähigkeiten ausschließlich dem Menschen vorbehalten sind. Seit ChatGPT, Claude, Gemini & Co. ist für ein breites Publikum unübersehbar geworden: Künstliche Intelligenz kann Texte schreiben, programmieren, Bilder erzeugen, Informationen aus großen Datenmengen zusammenführen, Zusammenhänge erkennen und bei der Lösung von Problemen helfen. Das bedeutet nicht automatisch, dass die heutige KI ein Bewusstsein besitzt. Es geht auch nicht darum, dass sie Gefühle hat oder leidensfähig wäre. Dafür gibt es bislang keine überzeugenden Belege.

Interessant ist etwas anderes: unsere Reaktion darauf.

Immer wenn Maschinen eine Fähigkeit beherrschen, die bis dahin als besondere menschliche Leistung galt, scheint sich die Grenze dessen zu verschieben, was nun als „wirklich menschlich“ gelten soll. Rechnen? Das können Maschinen schon lange. Schach spielen? Offenbar auch. Texte schreiben? Inzwischen ebenfalls. Bilder erzeugen? Ja. Programmieren? Zunehmend.

Also muss das Entscheidende woanders liegen: bei Kreativität, Verständnis, Urteilskraft, Bewusstsein oder einer anderen Eigenschaft, die wir vorsorglich zur eigentlichen Krone menschlicher Fähigkeiten erklären. Manchmal erinnert das verblüffend an die Geschichte unseres Umgangs mit Tieren.

Müssen wir denn immer und überall die Besten sein?

Natürlich gibt es einen wesentlichen Unterschied: Tiere sind Lebewesen und nach allem, was wir wissen, empfindungsfähig und auf ihre Art intelligent. Bei heutigen KI-Systemen haben wir keinen vergleichbaren Grund zu dieser Annahme. Tiere und künstliche Intelligenz einfach gleichzusetzen wäre deshalb unsinnig. Die Parallele liegt woanders, nämlich in unserem Bedürfnis, uns selbst durch Abgrenzung zu definieren.

Vielleicht müssen wir aber gar nicht beweisen, dass Menschen in jeder denkbaren Hinsicht überlegen sind.

Wir könnten doch auch einfach anerkennen, dass ein Pferd Wahrnehmungsfähigkeiten besitzt, die uns fehlen. Dass andere Tiere ihre Umwelt auf eine Weise erleben, die wir uns möglicherweise kaum vorstellen können. Und ebenso können wir anerkennen, dass eine künstliche Intelligenz bestimmte Aufgaben schneller oder besser bewältigen kann als wir, ohne daraus gleich einen Kampf um die Vorherrschaft zwischen Mensch und Maschine zu machen. Entscheidend ist doch nicht, ob wir überall die Besten sind, sondern was wir mit unseren Fähigkeiten anfangen. Vielleicht wäre gerade das eine Form menschlicher Vernunft, auf die wir tatsächlich ein wenig stolz sein könnten: nicht ständig beweisen zu müssen, dass wir die Krone der Schöpfung sind.

1 Kommentar

  1. Angela

    Vielen Dank für diesen Beitrag! Vielen Menschen ist wohl gar nicht bewusst, wie alt der Gedanke der Tierethik ist und es wäre wirklich angebrachter, wenn wir uns in Sachen Vergleich mit anderen Lebewesen etwas entspannen könnten. Wenn wir in allem die Besten sein müssen, klingt das auch nach Mangel an Selbstsicherheit.

    Die Parallele zwischen dem Wettkampf mit Tieren und mit der KI ist echt spannend. Mal sehen, wie sich das alles noch entwickeln wird 🙂

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert