Befreiungen – Warum manche Gedanken erst wehtun müssen

von | Apr. 9, 2026 | Gesellschaft | 0 Kommentare

Es gibt Bücher, die einem zustimmen. Und es gibt Bücher, die einem widersprechen. „Befreiungen“ von Otto Diendorfer gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Schon nach wenigen Seiten merkt man: Hier geht es nicht darum, jemanden zu beruhigen. Hier geht es darum, etwas aufzubrechen.

Der Autor blickt zurück – auf Kindheit, Erziehung, Glauben. Und stellt eine Frage, die sich durch das ganze Buch zieht: Was passiert mit einem Menschen, wenn ihm früh beigebracht wird, sich selbst zu misstrauen? Die Antwort fällt nicht sanft aus. Da ist die Rede von Schuld, von Angst, von Anpassung. Von einem Leben, das nicht wirklich gelebt wird, sondern sich an Vorgaben orientiert, die von außen kommen. Das ist keine theoretische Kritik. Das ist Erfahrung. Und genau das macht dieses Buch so intensiv.

Wenn Denken unbequem wird

„Befreiungen“ ist kein klassisches Sachbuch und auch kein reiner Erfahrungsbericht. Es ist eher ein Denkraum. Der Autor schreibt, wie Gedanken entstehen, wie sie sich verändern, wie sie sich festsetzen – und manchmal auch wieder lösen. Dabei geht es nicht nur um Religion. Es geht um alles, was Menschen Halt verspricht – und sie gleichzeitig festhalten kann: Glaubenssysteme, Ideologien, „Glücklichmacher“. Somit alles, was Antworten liefert, bevor überhaupt Fragen gestellt wurden.

Diendorfer beschreibt, wie leicht man in solche Systeme hineinrutscht, und wie schwer es ist, sich daraus wieder zu lösen. Das alles ist selbstverständlich nicht verboten, aber es tut weh.

Befreiung ist kein schöner Prozess

Was dieses Buch besonders macht: Es romantisiert nichts. Befreiung ist hier kein sanftes „Loslassen“. Es ist vielmehr ein Prozess, der mit Unsicherheit beginnt. Daher spricht der Autor von einem „Aufbruch“ – im doppelten Sinn: etwas aufbrechen und sich auf den Weg machen. Das Alte verliert seine Gültigkeit, während das Neue noch nicht klar ist. Dazwischen entsteht ein Raum, der nicht angenehm, aber notwendig ist. Denn genau dort beginnt etwas, das man vielleicht am ehesten so beschreiben kann: eigenes Denken.

Warum dieses Buch heute wieder wichtig ist

Viele der Themen, die Otto Diendorfer anspricht, wirken erstaunlich aktuell: Da geht es um die Suche nach Orientierung, um die Verlockung einfacher Antworten und auch um die Vielzahl an Angeboten, die versprechen, das Leben zu erklären – oder sogar zu verbessern. Gleichzeitig schleicht sich immer wieder das Gefühl ein, dass etwas daran nicht stimmt. „Befreiungen“ zeigt, dass dieses Gefühl kein Zufall, sondern der Anfang von etwas ist, das unbequem, aber auch befreiend sein kann.

Kein Buch zum Nebenbei-Lesen

Ich geb’s zu: Dieses Buch ist nichts für zwischendurch. Es fordert, widerspricht und legt den Finger auf Punkte, die man vielleicht lieber umgehen würde. Aber genau deshalb bleibt es hängen. Es liefert zwar keine leichten Antworten, aber es stellt Fragen, die man nicht mehr so leicht loswird.

„Befreiungen“ ist im Buchhandel oder direkt im ALV-Shop erhältlich.

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